Die Krux mit nachhaltigen Investments

Dieser Artikel wurde zuerst am 04.07.2021 auf n-tv.de veröffentlicht. Autor ist Andreas Enke, Vorstand der GENEON Vermögensmanagement AG.

Keine Frage: Geldströme lassen sich so umlenken, dass sie sich für die Gesellschaft und die Umwelt positiv auswirken. Das ist spätestens seit dem Jahr 1995 klar. Damals wollte der Mineralöl-Konzern Shell seine ausgediente Bohrplattform Brent Spar im Nord-Ost-Atlantik versenken. Die Verbraucher in Deutschland, in den Niederlanden und in Großbritannien reagierten auf die geplante Umweltsauerei mit einem Boykott der Tankstellen. Shell knickte ein und demontierte die Brent Spar an Land.Sozial und ökologische Investments werden immer beliebter. Damit das nicht zulasten der Rendite geht, brauchen sie aber eine vernünftige Struktur. So könnte sie aussehen.

Der Boykott war so etwas wie ein umgekehrtes Impact Investing, bei dem die Investments – zum Beispiel in Unternehmen – einen positiven Effekt auf die Gesellschaft und die Umwelt bewirken sollen. Und es steht außer Frage, dass immer mehr Anleger, neben einer finanziellen, auch eine soziale und ökologische Rendite erwarten.

 

Unterschiedliche Ansätze bei nachhaltigen Investmentstrategien

Beim Best-in-Class-Ansatz werden gewissermaßen die „Klassenbesten“ einer jeweiligen Branche ausgewählt. Für die nachhaltigen Geldanlagen bedeutet dieser Ansatz, dass für jede Branche eine Rangfolge der Unternehmen erstellt wird. Diese ergibt sich aus der Umsetzung der sogenannten ESG-Kriterien. E steht für Umwelt (Environment), S für Soziales (Social) und G für Unternehmensführung (Governance).
Diese Ergebnisse fließen meistens in eine Tabelle ein, die dann ein Gesamtbild widerspiegelt. Doch bei den ESG-Bewertungen kommen die Nachhaltigkeits-Ratingagenturen zum Teil zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen. So passiert es immer wieder, dass ein und dieselbe Aktie bei der einen Ratingagentur eine hohe Punktzahl erzielt und bei einer anderen weitgehend leer ausgeht. Außerdem kann es – überspitzt ausgedrückt – passieren, dass bei einem Best-in-Class-Ansatz der Waffenproduzent im Depot landet, der mit grüner Energie produziert und der seine Mitarbeiter fair behandelt. Nachhaltig ist das trotzdem wohl kaum.

Kein Platz im Anlageuniversum

Diese Krux sollen sogenannte Ausschlusskriterien lösen. Bei ihrer Anwendung werden bestimmte Unternehmen oder ganze Branchen/Sektoren von vornherein aus dem Anlageuniversum ausgeschlossen. Zu den typischen Ausschlusskriterien zählen beispielsweise Rüstung, Kernenergie, fossile Brennstoffe oder Tabak, Alkohol, Pornografie und Glücksspiel. Anleger können somit einen Bogen um Unternehmen beziehungsweise Branchen machen, die ihren persönlichen Wertvorstellungen widersprechen.
Noch anspruchsvoller wird es, wenn Anleger ein soziales und ökologisches Wirtschaften aktiv unterstützen wollen. Bei diesem Impact Investing liefern sicherlich die 17 nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) der Vereinten Nationen eine gute Orientierung. Diese hat die UN schon im Jahr 1995 definiert. Zu diesen Entwicklungszielen gehören unter anderem die Bekämpfung der Armut, die Gesundheit der Menschen oder sauberes Wasser und Sanitäranlagen.

Anleger müssen selbst entscheiden

Am Ende bleibt Anlegern allerdings kaum etwas anderes übrig, als selbst zu definieren, ob und wenn ja, welche nachhaltigen Ziele sie mit ihren Kapitalanlagen unterstützen wollen. Dabei können sie auf die bereits erwähnten Ausschlusskriterien zurückgreifen oder Positivkriterien anwenden, also gezielt in Unternehmen investieren, die eins oder mehrere der UN-Nachhaltigkeitsziele unterstützen.

Die individuell definierten Nachhaltigkeitsziele lassen sich nur durch die Auswahl entsprechender aktiv gemanagter Fonds verfolgen. Warum? Die Nachhaltigkeits-ETFs reduzieren ihre Nachhaltigkeitsstrategie in der Regel auf Ausschlusskriterien, oft in Verbindung mit einem Best-In-Class Ansatz. Einzelne Branchen oder Unternehmen werden also aus dem Basisindex herausgenommen. Ein Ersatz durch andere Unternehmen, die als nachhaltiger bewertet wurden, erfolgt nicht. Wollen Anleger bewusst in Unternehmen investieren, die als besonders nachhaltig bewertet werden, aber nicht im Basisindex der ETF vorhanden sind, bleibt nur ein aktiv gemanagter Nachhaltigkeitsfonds.

Anleger können sich mit diesen aktiven Fonds im ersten Schritt so ein Basisportfolio zusammenstellen, welches ihren Wertvorstellungen entspricht. Doch es ist gar nicht so leicht, Nachhaltigkeit im Portfolio mit einer professionellen Struktur zu verbinden. Denn ein Manko der geschilderten Vorgehensweise ist, dass ein solches Portfolio in den meisten Fällen signifikant von der regionalen Struktur der Weltwirtschaft abweicht und dadurch kein optimales Rendite-/Risikoprofil aufweist. Ein rein an den UN-Zielen ausgerichtetes Portfolio kann somit Rendite kosten.

Vor diesem Hintergrund sollten Anleger in einem ersten Schritt vielleicht 70 Prozent ihres Portfolios anhand ihrer persönlichen Nachhaltigkeitsziele investieren. Dann sollte ein regionaler Abgleich mit der Weltwirtschaft erfolgen. In den meisten Fällen dürften sich größere Abweichungen ergeben. Diese lassen sich dann durch das Investieren der verbleibenden 30 Prozent der Mittel in die zu niedrig gewichteten Regionen ausgleichen. Die Anpassung an die regionale Ziel-Struktur, zum Beispiel entsprechend dem MSCI All Countries World Index, erfolgt am besten per ETF mit Ausschlusskriterien und einem Best-In-Class Ansatz, um den Kompromiss so gering wie möglich zu halten.

Die 25.000-Euro-Frage

Anleger, die vor dem Luxus-Problem stehen, liquide Mittel in Höhe von beispielsweise 25000 Euro investieren zu wollen, sollten derzeit schwerpunktmäßig Aktien bevorzugen. Empfehlenswert ist ein breit über Branchen und Regionen gestreutes Portfolio, welches gleichzeitig an den persönlich präferierten Nachhaltigkeitszielen ausgerichtet ist. Nachhaltige Aktien-Investments bieten sich auch deshalb an, weil sowohl die Wiederaufbauhilfen der EU in Höhe von 750 Milliarden Euro als auch das zweite Konjunkturprogramm der USA mit einem Volumen von 1900 Milliarden Dollar ausdrücklich den ökologischen Umbau der Volkswirtschaften zum Ziel haben.