Die besten nachhaltigen Geschäftsmodelle brauchen keinen ESG-Bonus.
Ein nachhaltiges Geschäftsmodell erkennt man vielleicht daran, dass man das Wort Nachhaltigkeit gar nicht braucht, um es zu erklären. Es verbraucht weniger Rohstoffe. Es benötigt weniger Energie. Es macht aus einem Abfallstoff einen verkäuflichen Rohstoff. Und wenn all das gleichzeitig Kosten reduziert oder neue Erlösquellen erschließt, entsteht Nachhaltigkeit nicht zusätzlich zum Geschäftsmodell. Sie steckt in seiner Ökonomie.
Das ist ein entscheidender Unterschied. Denn solange Nachhaltigkeit vor allem als zusätzliche Investition verstanden wird, steht schnell die Frage im Raum: Was kostet sie? Interessanter wird es dort, wo sich die Frage umkehrt: Was kostet es ein Unternehmen, nicht nachhaltig zu wirtschaften?
Aus Abfall wird ein Rohstoff
Befesa ist ein gutes Beispiel dafür. Zink wird in vielen Bereichen als Korrosionsschutz benötigt, von Fahrzeugen über Brücken bis zu Gebäuden. Gleichzeitig ist die klassische Gewinnung aus Erz ressourcen- und energieintensiv. Hinzu kommt eine geografisch konzentrierte Förderung; in der EU wird ein großer Teil des benötigten Zinks importiert.
Befesa setzt an einer anderen Stelle der Wertschöpfungskette an. Bei der Stahlproduktion entsteht Stahlwerksstaub. Statt diesen lediglich als gefährlichen Abfall zu behandeln, gewinnt Befesa daraus wieder Zink. Das Unternehmen verbindet damit zwei Funktionen: die Entsorgung eines industriellen Reststoffs und die Rückgewinnung eines wertvollen Rohstoffs. Wer also den Abfall abnimmt, kontrolliert den Rohstoff.
Genau darin liegt eine der interessantesten Entwicklungen der Kreislaufwirtschaft: Was gestern noch entsorgt werden musste, kann morgen Teil der Rohstoffversorgung sein.
Weniger Ressourcen können einen Kostenvorteil schaffen
Besonders deutlich wird das beim Vergleich mit der konventionellen Zinkgewinnung.
Die Gewinnung einer Tonne Zink aus Erz zwischen 3,5 und 5,5 Tonnen CO₂-Äquivalente. Beim Recycling aus Stahlwerksstaub sind es 0,8 bis 1,8 Tonnen. Beim Energieverbrauch stehen 45 bis 65 Gigajoule aus dem Bergbau 10 bis 25 Gigajoule beim Recycling gegenüber. Auch Wasserverbrauch und Flächenbedarf fallen erheblich geringer aus.
Damit wird aus einer Umweltkennzahl eine betriebswirtschaftliche Frage. Denn Energie und Rohstoffe sind nicht nur Bestandteile eines CO₂-Fußabdrucks. Sie sind Kosten. Wer sie halbiert, hat keinen ESG-Bonus – er hat eine strukturell bessere Marge.
Das ist vielleicht einer der wichtigsten Unterschiede zwischen einem Unternehmen, das Nachhaltigkeitsmaßnahmen umsetzt, und einem Unternehmen, dessen Geschäftsmodell selbst von nachhaltigerem Wirtschaften profitiert.
Kreislaufwirtschaft ist mehr als Recycling
Gerade deshalb greift es zu kurz, Kreislaufwirtschaft lediglich als Umweltstrategie zu betrachten. In einer linearen Wirtschaft beginnt Wertschöpfung mit einem Rohstoff und endet irgendwann mit Abfall. In einer Kreislaufwirtschaft kann genau dieser Abfall wieder zum Ausgangspunkt einer neuen Wertschöpfung werden. Dadurch verändert sich auch der wirtschaftliche Wert von Reststoffen.
Bei Befesa wird ein Stoff, für dessen sichere Entsorgung zunächst eine Lösung benötigt wird, gleichzeitig zur Quelle eines handelbaren Rohstoffs. Das Geschäftsmodell erzielt damit Wertschöpfung auf zwei Seiten: bei der Behandlung des Abfalls und bei der Rückgewinnung von Zink. Dafür braucht es allerdings mehr als eine gute Recyclingidee. Genehmigungen, Anlagen-Know-how, ein Standortnetz in Kundennähe und langfristige Verträge als Eintrittsbarrieren. Kreislaufwirtschaft kann damit selbst zum industriellen Spezialwissen werden und genau daraus kann ein wirtschaftlicher Burggraben entstehen.
Wenn strengere Umweltregeln das bessere Geschäftsmodell stärken
Noch interessanter wird diese Logik, wenn sich die Rahmenbedingungen verändern. Steigende Zinkpreise können den Wert des zurückgewonnenen Rohstoffs erhöhen. Strengere Umweltauflagen können gleichzeitig die konventionelle Gewinnung verteuern. Und regulatorische Anforderungen machen den Umgang mit industriellen Abfallströmen zunehmend zu einer Aufgabe, der sich Unternehmen nicht entziehen können.
Normalerweise wird Regulierung in Unternehmen vor allem als Kostenfaktor wahrgenommen. Für Geschäftsmodelle, die ein Umweltproblem wirtschaftlich lösen können, kann dieselbe Regulierung jedoch die relative Wettbewerbsposition verbessern.
Das ist ein wesentlicher Punkt für nachhaltiges Investieren. Entscheidend ist nicht nur, ob ein Unternehmen strengere Nachhaltigkeitsanforderungen erfüllen kann. Interessant ist, ob sein Geschäftsmodell dadurch sogar wertvoller wird.
Nachhaltigkeit wird dann besonders interessant, wenn man sie nicht subventionieren muss
Das führt zu einer größeren Frage. Über nachhaltige Transformation wird häufig so gesprochen, als müssten Ökologie und Ökonomie miteinander ausbalanciert werden: Unternehmen investieren mehr, verbrauchen dafür weniger Ressourcen oder verursachen weniger Emissionen. Doch die stärksten Geschäftsmodelle können diese Logik auflösen. Wenn weniger Energie auch weniger Kosten bedeutet, weniger Primärrohstoffe die Abhängigkeit vom Bergbau reduzieren und aus einem Abfallstoff ein verkäufliches Produkt entsteht, arbeiten ökologischer und wirtschaftlicher Nutzen in dieselbe Richtung. Dann braucht Nachhaltigkeit keinen zusätzlichen Business Case. Sie ist der Business Case.
Fazit
Vielleicht sollten wir nachhaltige Geschäftsmodelle weniger danach beurteilen, wie viel Geld Unternehmen für Nachhaltigkeit ausgeben. Die interessantere Frage lautet: Wie verändert Nachhaltigkeit die Ökonomie ihres Geschäftsmodells?
Wenn weniger Ressourcen weniger Kosten bedeuten, Abfall zum Rohstoff wird und strengere Umweltstandards die eigene Wettbewerbsposition verbessern, verändert sich das Verhältnis von Nachhaltigkeit und Profitabilität grundlegend. Befesa zeigt, wie das aussehen kann. Das Unternehmen recycelt nicht einfach Stahlwerksstaub. Es macht aus einem Entsorgungsproblem einen Rohstoffkreislauf und aus Ressourceneffizienz einen wirtschaftlichen Vorteil.
Die besten nachhaltigen Geschäftsmodelle brauchen deshalb keinen ESG-Bonus. Ihr Vorteil entsteht gerade dadurch, dass Nachhaltigkeit wirtschaftlich sinnvoll ist.
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