Nachhaltigkeit als Teil des Risikomanagements

Vor einiger Zeit legte mir eine Kollegin einen Artikel aus einem Fachmagazin auf den Schreibtisch, begleitet von den Worten: „Schau dir das einmal in Ruhe an, ich denke, das ist genau das Problem, welches die Finanzbranche mit dem Schlagwort ‚Nachhaltigkeit‘ hat“.

Die Schwierigkeiten mit dem Wort Nachhaltigkeit

Es war ein Kommentar eines Finanzexperten, welcher das Thema Nachhaltigkeit mit einem Zwinkern aufs Korn nahm: „Nachhaltigkeit sei so anstrengend“, „der Begriff sei ja nicht einheitlich definiert“, „das koste Rendite“ und „sei einfach die ‚nächste Sau, welche durchs Dorf getrieben werde‘“.
Außerdem weise die Thematik nicht nur eine politische, sondern auch gesellschaftliche Tragweite auf, die nicht zuletzt durch die Fridays for Future-Bewegung dafür gesorgt habe, dass die Komponenten „Emotionen“ und „Idealismus“ Einzug gehalten hätten. Man bekäme das Gefühl, allen geht es nur noch darum, die Welt zu retten – gute, alte Finanzkennzahlen werden darüber vergessen oder für unwichtig erklärt. Es sei aber nun einmal nicht der „Job“ der Finanzakteure, die Welt zu retten, Punkt.

Soweit so gut, doch warum das Thema Nachhaltigkeit nicht aus einer anderen Warte betrachten?
Nämlich als Teil eines adäquaten Risikomanagement.

 

Das Image von Nachhaltigkeit im Wandel

Die Veränderung kommt vor allem aus der AnlegerInnenschaft: „Statt als potenzielle Performance-Bremse sehen Anleger jetzt ESG-Strategien und Co zunehmend als Rendite-Turbo und zugleich als Risikobegrenzer an“, heißt es in der €uro SpezialAusgabe im November vergangenen Jahres.
Überhaupt ist das hartnäckige Vorurteil der Renditeeinbußen mit einem Blick auf die Wissenschaft nicht haltbar: „Auch rückblickend zeigen Studien kaum Rendite-Nachteile. Stellvertretend für eine durchweg positive Literatur berichtet die bis 1970 zurückreichende Meta-Analyse ‚ESG und finanzielle Performance‘, dass nur jede zehnte von 2200 Studien geringe Einbußen festgestellt hat. Überwiegend seien die Ergebnisse besser gewesen“. Auch während des Corona-Crashs haben „[n]achhaltige Anlagen […] ihre Stärken gezeigt“ (vgl. €uro SpezialAusgabe 11/2020).
Die Zahlen, Daten und der Zeitgeist sprechen also für eine andere Auffassung von Nachhaltigkeit, jenseits von Weltrettungs-Ambitionen und reinem Idealismus, mit dem die Begrifflichkeit häufig noch innerhalb der Branche verbunden wird.

 

Nachhaltigkeit als integrierter Bestandteil des Risikomanagements

Auch der globale Investment-Gigant BlackRock hat nun ausgesprochen, was vielerorts noch nicht etablierte Meinung ist. Nämlich, dass die Märkte Nachhaltigkeit bislang nicht richtig bewerten und Unternehmen, welche Nachhaltigkeit weiterhin ausklammern, langfristig mit Kursverlusten rechnen müssen (vgl. €uro SpezialAusgabe 11/2020).

Die Rechnung ist einfach: Nachhaltigkeit wird die Welt des Finanzmarktes signifikant verändern. Sie bei allen Geschäftsaktivitäten zu berücksichtigen ist keine Maßnahme zur Weltrettung, sondern schlichtweg risikobewusstes Handeln in der heutigen, sogenannten VUCA-Welt [VUCA ist ein Akronym für: Volatility (Volatilität/Unbeständigkeit) | Uncertainty (Unsicherheit) | Complexity (Komplexität) | Ambiguity (Mehrdeutigkeit)].

„Risiken zu kennen, ist die Voraussetzung um deren Eintreten zu vermeiden“, sagt Founder & CEO der avesco, Oliver N. Hagedorn. „Deshalb tut jedes Unternehmen gut daran, sich mit möglichen Bedrohungen und Gefahren auseinanderzusetzen. Es gibt Risiken, die von außen auf Unternehmen wirken, beispielsweise die Digitalisierung oder Klimarisiken, wie z.B. zunehmende Sturmfluten in Wechselwirkung mit dem Meeresspiegelanstieg, die dicht besiedelten und genutzten Küstenraum bedrohen. Und es gibt Risiken, die von Unternehmen aus auf die Umwelt wirken. Exemplarisch die Förderung fossiler Brennstoffe oder der Einsatz von Unkrautvernichtern in der Landwirtschaft. Egal, um welche Risiken es geht, treten sie ein, erzeugen sie Schaden. Anders ausgedrückt, bestehende Potenziale werden zerstört und sind nicht mehr nutzbar“.

RegulatorInnen, KundInnen und InvestorInnen fordern überprüfbare Nachhaltigkeit. Darauf nicht einzugehen, stellt ein geschäftliches Risiko dar.
Es sollte daher ein fester Prozess etabliert werden, um die Aspekte der Nachhaltigkeit (Ökologisch/Ökonomisch/Sozial + die Governance) angemessen innerhalb des Risikomanagements zu berücksichtigen.

Die Stunde, das Thema Nachhaltigkeit ernsthaft in eigene Unternehmensprozesse und -strategien einzubringen, hat geschlagen.

Auch seitens Deloitte, dem internationalen Wirtschaftsprüfungsinstituts, heißt es: „[…] wer […] eine Transformation in Richtung Nachhaltigkeit in Angriff nimmt, sichert sich eine […] wichtige ‚Lizenz‘: die Option zu wachsen. Stärkung der Marke, Aufwertung der Produktpalette, Verringerung intangibler Risiken und neue Business Models mit Sustainability-Aspekt können sich als attraktive Umsatz- und Gewinntreiber erweisen. Außerdem gehen viele ökologische Maßnahmen […] auch ganz direkt mit ökonomischem Nutzen einher, drehen sie sich doch oft um Effizienzgewinne (etwa Rohstoff-Recycling). Insgesamt führt nachhaltigeres Wirtschaften zu mehr Resilienz auf allen Ebenen des Business, was für ein Unternehmen natürlich äußerst vorteilhaft ist. […]. Und eine dritte ‚Lizenz‘ winkt Unternehmen, die sich als Pioniere der Nachhaltigkeit positionieren: die zum Mitgestalten. Denn wer als nachhaltiger Player ernstgenommen wird, kann aktiv zum regulatorischen Diskurs beitragen und erhält einen ‚seat at the table‘“ (vgl. hier). Auch für den Finanzmarkt stellt Nachhaltigkeit so eine Win-Win-Win-Situation dar: Umwelt, Gesellschaft und Unternehmen profitieren durch sie.

Möglicherweise bald schon ein Bild der Vergangenheit? Kraftwerke der alten Art.

Nachhaltigkeit bei avesco: Gewinn anstatt Kostenfaktor

Auch bei avesco ist die Betrachtung der Nachhaltigkeit im Kontext der Risikobewertung ein fundamentaler Bestandteil der Unternehmensanalyse.
Dr. Sandra Derissen, Leiterin der Nachhaltigkeitsanalyse, sagt über den Analyseprozess: „Lässt man Nachhaltigkeitsrisiken außer Acht, entsteht ein blinder Fleck. Manche Faktoren wie Reputationsrisiken, Transitionsrisiken oder Klimarisiken können sich negativ auf den Wert der Investition auswirken. Nehmen Sie zum Beispiel ein Unternehmen, das in seinem Geschäftsmodell auf nicht-erneuerbare Ressourcen setzt. Mittelfristig werden diese Ressourcen eventuell knapper, teurer und das Geschäftsmodell wird gefährdet. Oder die Produkte werden durch eine Hinwendung zu Produkten aus erneuerbaren Ressourcen weniger nachgefragt. Das Unternehmen kann sich natürlich neue Geschäftsfelder eröffnen, was dann aber Anpassungskosten mit sich bringt. Durch die Transformation hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft reagieren InvestorInnen inzwischen sensibel auf diese Themen und ziehen ihr Kapital im Zweifelsfall ab. Bei avesco berücksichtigen wir Nachhaltigkeitsrisiken daher grundsätzlich in unserer Unternehmensanalyse. So werden Unternehmen mit sehr hohen Nachhaltigkeitsrisiken nicht ins Portfolio aufgenommen. Im Gegensatz dazu werden Unternehmen mit geringeren Risiken grundsätzlich höher gewichtet. Somit berücksichtigen wir Nachhaltigkeitsrisiken direkt in unseren Investitionsentscheidungen“.

Nachhaltigkeit ist bei avesco fester Bestandteil im Produkt als auch in der Firmenkultur

Oliver N. Hagedorn schließt sich an:  „Nachhaltigkeit bedeutet ökonomische, ökologische und soziale Potenziale zu erhalten oder neue zu schaffen. Als Asset Manager sind wir Treuhänder von Kundenvermögen. Eine unserer Aufgaben ist es, Risiken zu erkennen und Schaden zu vermeiden. Deshalb haben wir bereits 2011 begonnen bei der Analyse von Unternehmen das Konzept der Nachhaltigkeit in unser Risikomanagement zu integrieren. Unternehmen in die wir investieren, haben erkannt, dass ganzheitliche Nachhaltigkeit mittel- und längerfristig nicht Kosten sondern Gewinn bedeutet und die Widerstandskraft steigert. Es entspricht also deren Selbsterhaltungstrieb nachhaltig zu handeln“.

Autorin: Elisabeth Schaper