Im Blickpunkt: Nachhaltigkeits-Ratings für Small und Mid Cap Unternehmen

Nahrungsmittel, Kleidung, Fonds – beinahe jedes Produkt scheint auch in einer nachhaltigen Version auf dem Markt erhältlich zu sein. „Deutschland hat sich zu einem der größten Absatzmärkte für nachhaltige Fonds in Europa entwickelt“, fasst Heino Reents, Autor auf CAPinside, in einem Artikel zusammen. „Laut der Statistik des Fondsverbandes BVI stieg das Volumen dieser Produkte bis Ende 2020 auf 147 Milliarden Euro. Das entspricht einem Wachstum um 33 Milliarden Euro (29 Prozent) gegenüber dem Vorjahresende 2019. Zum Vergleich: Bei konventionellen Fonds betrug der Zuwachs nur knapp 3 Prozent“.
Die Crux: Das Verständnis von Nachhaltigkeit. BeraterInnen und InvestorInnen sind bei der Auswahl des passenden Investmentfonds immer noch weitgehend auf sich allein gestellt. Denn eine klare Definition, was Nachhaltigkeit genau bedeutet, fehlt weiterhin. „Aufgrund des Mangels an klaren Aussagen, Informationen sowie Standards in den Verkaufsprospekten, Factsheets und ähnlichem ist es schwierig, nachhaltige Fonds zu identifizieren, was langfristige Investitionsentscheidungen auf Seiten der InvestorInnen, aber auch BeraterInnen erschwert“, sagt avescos Gründer & CEO Oliver N. Hagedorn.
Licht ins Dunkel sollen standardisierte Bewertungen von Nachhaltigkeits-Ratinganbietern bringen. Wie sinnig es für Small und Mid Cap Fonds ist, auf solche Ratings zu setzen, erörtert unser heutiger Blogpost.

 

Das Dilemma mit dem Wörtchen Nachhaltigkeit

Zunächst etwas Kontext: Die Herausforderung nachhaltiger Produkte liegt in der Definition des Wortes „Nachhaltigkeit“ innerhalb des Finanzkontextes selbst. Das ist auch historisch bedingt, da Asset Manager, welche nachhaltige Produkte anbieten wollten (mit oftmals unterschiedlichem Fokus, z.B. ethisch oder ökologisch fair), zunächst häufig versucht haben, Nachhaltigkeit für sich selbst zu definieren – mit einer jeweils eigenen Methodik.
Und das nicht erst „seit gestern“: Denn entgegen der allgemeinen Annahme liegt der Ursprung nachhaltiger Anlagestrategien nicht in der verstärkten öffentlichen Nachhaltigkeitsdebatte des letzten Jahrzehnts, sondern kann bis zu den Anfängen des 19. Jahrhunderts zurückverfolgt werden. Damals begannen christliche AnlegerInnen in den USA mit dem Ausschluss von Investitionen in Waffen, Glücksspiel, Tabak und Alkohol. Ihnen folgten amerikanische Gewerkschaften, die soziale Ziele in ihre Anlagekonzepte integrierten (z.B. das Verbot von Kinderarbeit). So lange also begleitet das Wort Nachhaltigkeit schon die Finanzwelt – und damit die Herausforderung, eine allgemeingültige Definition und einen passenden „Kriterienkatalog“ für das Schlagwort aufzusetzen. In den letzten zwei, drei Jahren haben sich am Markt jedoch bestimmte Verfahren und Standards durchgesetzt, häufig initiiert von größeren Ratinganbietern wie etwa MSCI ESG.

 

ESG-Ratings im Überblick

Was machen ESG-Ratinganbieter? Kurz gesagt bewertet sie wie umfangreich und nachhaltig Aktiengesellschaften oder ETF Fonds die sogenannten ESG Kriterien berücksichtigen und umsetzen, fasst Benjamin Schwarz in einem Artikel zusammen. Ihr Ziel: Das Thema Nachhaltigkeit messbarer machen. Die bekanntesten ESG-Ratinganbieter sind:

  1. CDP Klimawandel, Wald & Wasserschutz Rating
  2. MSCI ESG Rating
  3. SAM Corporate Sustainability Assessment (CSA) / S&P Global ESG Score
  4. Sustainalytics ESG Risk Rating

In der Regel basieren die Bewertungen von nachhaltigen Fonds auf den ESG-Ratings der einzelnen enthaltenen Unternehmen. Und: Je nach vorhandener KVG werden bestimmte ESG-Ratinganbieter vorgeschrieben. So bezieht unser Sustainable Hidden Champions Aktienfonds sein ESG-Rating über MSCI ESG, da dies durch unsere Kapitalverwaltungsgesellschaft (aufgrund des Versuches, Vergleichbarkeit zwischen den unterschiedlichen Produkten herzustellen, die diese anbietet) so vorgegeben ist. Hier begegnet uns immer wieder eine Herausforderung.

 

Die Datenfrage von ESG-Ratinganbietern

Wie unser CEO Oliver N. Hagedorn sagt: „ESG hilft, ESG ist wichtig – in der Praxis kommt es jedoch zu Herausforderungen“. Denn:

  1. Leider gibt es noch keinen Standard in der ESG Bewertung und somit auch keine richtige Vergleichbarkeit der Ratings. Jeder Ratinganbieter ermittelt unterschiedliche Daten – so kommt es häufig dazu, dass ein Unternehmen bei zwei Ratinganbietern völlig unterschiedlich bewertet wird und mal weniger, mal mehr nachhaltig „ausgepreist“ wird. Dies stiftet Verwirrung für InvestorInnen und Finanzintermediäre.
  2. Gerade für Klein- und Mittelständische Unternehmen ist die sogenannte Coverage (das Vorhandensein an nachhaltigkeitsbezogenen Daten) häufig nicht gegeben. Klar, für große Konzerne wie Daimler, Nestlé und Co. finden sich massig Daten, welche von den Ratinganbietern ausgewertet werden können. Kleinere Firmen haben hier häufig weniger Informationen veröffentlicht, meist fehlt dafür auch schlichtweg die Kapazität der Beschäftigten.

Jedes Unternehmen, welches ein Rating bekommen soll, selbst gründlich zu analysieren – dafür fehlt jedoch wiederum den Ratinganbietern die Kapazität. Diese setzen darum auf Vergleichbarkeit ihrer einzelnen Ratings und Statistik. Heraus kommen in der Regel standardisierte Fragebögen, die an Unternehmen verschickt werden. Was dabei passieren kann, illustriert der Gerichtsprozess des Optikkonzerns Isra Vision aus dem Jahr 2020.

 

Der Fall Isra Vision vs. ISS ESG-Ratings

Am Fall des Optikkonzerns Isra Vision aus Darmstadt lässt sich ein Phänomen erkennen, welches häufig bei Ratinganbietern zu erkennen ist: Die sogenannte Large Cap Bias. Diese beschreibt das Vorgehen, „dass Ratinganbieter immer dann, wenn sie nichts zu einem bestimmten Kriterium aus ihrer Nachhaltigkeitsliste finden, in aller Regel eine Negativbewertung vergeben“, sagt Christian Berg, Portfolio-Manager bei avesco. „Das benachteiligt wiederum die Unternehmen, die so etwas nicht in der Detailtiefe berichten können, natürlich massiv“.
Im Fall von Isra Vision ist genau das passiert: Das Unternehmen erhielt im Frühjahr 2019 einen Brief von dem Ratinganbieter ISS ESG, berichtet das „Handelsblatt“. Darin fragte ein Analyst, ob sich das Unternehmen an der Erstellung eines Ratings beteiligen wolle. Isra Vision ignorierte die Nachricht – und bekam zwei Wochen später die Bewertung „D-“ verpasst – die schlechteste Note, die ISS ESG an Unternehmen vergibt. Das Unternehmen sah sich aus mehreren Gründen ungerecht behandelt und klagte gegen das Rating – erfolgreich.
Im Gerichtsverfahren wurden einige Missverhältnisse offenkundig: Die schlechten Teilnoten z.B., welche gemeinsam letztlich die „D-“Bewertung verursachten, stammten aus Bereichen, die für das Unternehmen gänzlich unrelevant sind. Bemängelt wurden z.B. laut ISS ESG, dass es keine oder nur unzureichende Informationen darüber gebe, ob ArbeiterInnen vor giftigen Stoffen geschützt würden. Bei Isra Vision werde aber überhaupt nicht mit giftigen Stoffen gearbeitet, konterten die Anwälte des Unternehmens. Eine schlechte Bewertung für einen unrelevanten Sachverhalt also – verursacht durch die Large Cap Bias.
Aus diesem und anderen Gründen entschied das Gericht dann auch: Die internationale Ratingagentur ISS ESG durfte den Darmstädter Spezialmaschinenbauer Isra Vision nicht die schlechteste Note „D-“ attestieren. Eine bloße Nichtverfügbarkeit bestimmter Informationen rechtfertige nicht, ein Unternehmen schlecht zu bewerten. Zudem müssten die Analysekriterien stets nah am Geschäftsbetrieb ausgerichtet werden, dies sei hier auch nicht in ausreichendem Maße erfolgt.
Der Fall geht als erster seiner Art in die Geschichte der Juristik ein, denn dem Handelsblatt zufolge war es das erste Mal, dass sich in Deutschland ein Unternehmen juristisch gegen ein ESG-Rating gewehrt hat.

 

Exemplarisch: Der Sustainable Hidden Champions Aktienfonds im Rating-Dilemma

Mit Blick auf unseren Sustainable Hidden Champions Aktienfonds zeigen sich die oben genannten Herausforderungen ebenfalls. Der Fonds investiert in Klein- und Mittelständische Unternehmen des D-A-CH-Raums, die in ihrer Nische zu den Weltmarktführern zählen. Dennoch ist die Datenlage für diese Unternehmen nicht ausreichend. So sagt Dr. Sandra Derissen, Leiterin der Nachhaltigkeitsanalyse bei avesco: „Die Coverage, also Datenverfügbarkeit, für unser Portfolios liegt bei MSCI ESG insgesamt bei um die 60 %, das heißt in absoluten Zahlen werden 33 unser derzeit 55 Portfoliounternehmen gecovert. Daher nutzen wir eine eigene Methodik, um die Nachhaltigkeit unserer Hidden Champions zu analysieren. Andere ESG-Ratinganbieter, z.B. Sustainalytics wären hier auch besser aufgestellt, was die Coverage angeht (ca. 80%) – in unserem Fall entscheidet allerdings die KVG, welchen ESG-Ratinganbieter wir nutzen sollen“.

Christian Berg schließt sich an: „Dazu kommt noch diese Marktmacht der Ratinganbieter, deren Definitionen des Wortes Nachhaltigkeit und deren Kriterien, denen man sich unterordnen muss. Das wiederum schließt solch einen Ansatz wie wir ihn als vergleichsweise kleiner Asset Manager verfolgen, der generisch an eine Nachhaltigkeitsbewertung herangeht, aus. Das empfinde ich dann für das echte Vorantreiben nachhaltiger Investments eher hinderlich als förderlich“.

 

Häufig kommt es auch zu Herausforderungen wirtschaftlicher Natur. So sagt Dr. Sandra Derissen: „Zusätzlich ist es auch so, dass wir einige Informationen gar nicht erhalten, zum Beispiel wie MSCI ESG unseren Fonds insgesamt wertet und auch für die einzelnen Kriterien E, S und G haben wir keine einzelnen Noten, sondern nur eine Gesamtnote. Wir könnten dies alles einzeln freischalten lassen, was allerdings preislich im fünfstelligen Bereich liegen würde für jede weitere Lizenz, für uns als KMU ein erheblicher Kostenfaktor“.

Unser Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen: ESG-Kriterien sind wichtig und richtig. Und ESG-Ratinganbieter haben einen wichtigen Auftrag und eine große Verantwortung, nämlich Kapitalströme dahin zu lenken, wo Nachhaltigkeit wirklich vorangetrieben wird. Ob dieses Ziel in der Praxis jedoch auch vollumfänglich erreicht werden kann (wir betrachteten die Grenzen der Bewertungsmethoden weiter oben), bleibt abzuwarten. Auch darum verfolgt avesco einen anderen Ansatz. Wir glauben, dass man anders an das Thema Nachhaltigkeit herangehen sollte und dass man nicht umhinkommt, sich jedes Unternehmen einzeln anzuschauen, anstatt zu versuchen deren Nachhaltigkeitsleistung durch standardisierte Fragebögen zu bewerten.
Dass es perspektivisch nochmal frischen Wind in dieser Hinsicht geben wird, beweist die umfängliche Arbeit der EU zum Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums. Dieser zielt durch die Maßnahmen der Offenlegungs- und Taxonomieverordnung ebenfalls auf die Lösung des eingangs erwähnten Grundproblems bzgl. des Wortes „Nachhaltigkeit“ ab. Alles zu den beiden Verordnungen kann übrigens in unserer zweiteiligen Blogpostreihe (Artikel zur Offenlegungsverordung | Artikel zur Taxonomieverordnung) nachgelesen werden.

Autorin: Elisabeth Schaper


Verwendete Quellen
https://capinside.com/c/nachhaltige-geldanlage-warum-es-ohne-esg-ratings-besser-funktioniert
https://www.dein-geld-anlegen.de/esg-rating-agenturen-uebersicht/
https://www.fondsprofessionell.de/news/unternehmen/headline/firma-verklagt-ratingagentur-wegen-nachhaltigkeitsnote-195978/
https://www.handelsblatt.com/finanzen/steuern-recht/recht/green-finance-oekoratings-vor-gericht-isra-vision-erwirkt-verbot-gegen-agentur-iss-esg/25629486.html
https://www.juve.de/nachrichten/verfahren/2020/03/streit-um-oeko-rating-isra-vision-stellt-sich-mit-allenovery-gegen-noerr-mandantin-iss