
28. Februar 2010 Frühmorgens weckte mich eine Freundin, bei der ich während meines 1-jährigen Aufenthalts in Deutschland gerade wohnte. Mit Tränen in den Augen und stockender Stimme sagte sie zu mir: »Ein Erdbeben in Chile. In Santiago hatte das Beben mehr als Stärke 8 auf der Richterskala. Es gibt keine Kommunikation mehr!« Mein Herz setzte einen Augenblick aus. Sie müssen wissen, dass wir beide ursprünglich aus Chile kommen und unsere Familien dort leben.
Chile liegt im sogenannten Pazifischen Feuerring, einer Zone, die hohe vulkanische und seismische Aktivitäten aufweist. Am 22. Mai 1960 wurde in der Stadt Valdivia das bislang stärkste Erdbeben der Welt gemessen: Stärke 9,5 auf der Richterskala! Immer wenn wir ein Beben spüren hoffen wir, dass es niemals wieder so schlimm wird. Bis zu diesem Jahr hatten wir auch immer Glück gehabt. Es gab zwar im Laufe der Zeit ein paar stärkere Beben, aber keines war so wie das im Februar. Mit einer Stärke von 8,8 war dieses Beben 10-mal kräftiger als das, welches im Januar Haiti erschüttert hat und steht somit auf Platz 8 auf der Liste der schlimmsten Erdbeben der Welt.
An dem Tag war ich zwei Stunden in Angst und Sorge, da ich meine Familie nicht erreichen konnte. Die Erleichterung war dann groß, als ich erfahren habe, dass es ihnen gut geht. Aber trotzdem, ich werde die Bilder der Katastrophe, die ich im Internet gesehen habe, nicht vergessen. Alles wurde verwüstet: Autobahnen, Gebäude, sogar ganze Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht. Auch die schöne Küste von Chile ist durch den späteren Tsunami überspült worden.
Von der Katastrophe sind besonders die Bewohner des Landes betroffen, die in ärmlichen Verhältnissen leben und deren Häuser dem Beben nicht standhalten konnten. Es gab ca. 500.000 Familien, die ihre Wohnung verloren haben und auf der Straße schlafen mussten. Aber zum Glück haben die Chilenen ein starkes Sozialbewusstsein und die Soforthilfe hat nicht lange auf sich warten lassen. Studenten, Jugendliche und ganze Familien sind zu den betroffenen Gebieten gefahren, um beim Wiederaufbau zu helfen. Das Hilfsprogramm ›Chile ayuda a Chile‹ (Chile hilft Chile), eine 24-stündige Dauersendung im chilenischen Fernsehen, brachte mehr als 90 Millionen USD ein, damit Notunterkünfte für die Opfer errichtet werden konnten.
Es war sehr schlimm, mein Land so zerstört zu sehen. Ich war schon in vielen Ländern und habe durch meinen Urlaub in Europa wunderschöne Städte kennengelernt. Trotzdem gibt es für mich nichts Vergleichbares zur eigenen Heimat. Ein schmales, langes Gebiet, wo man alle möglichen Landschaften finden kann. Wüsten, Wälder, Berge, Eisfelder, schöne klare Seen, eine lange, malerische Küste und natürlich die Menschen dort, die sich immer wieder aufrappeln, egal was passiert.
Es werden mindestens sieben Jahre nötig sein, um das Land wieder aufzubauen. Und ich bin mir sicher, dass das auch zu schaffen ist: Die chilenische Ökonomie ist stark und die Regierung ist zuverlässig. Nur der Schmerz der Menschen wird bleiben. Das Erdbeben tötete mehr als 500 Personen und die Angehörigen werden sich immer daran erinnern. Auch die Angst, dass so etwas nochmal passieren kann, wird im Unterbewusstsein der Menschen bleiben. Eines ist den Überlebenden im Laufe der Zeit klar geworden: Wenn die Erde sich bewegt, gibt es keinen Ort, an dem man sich verstecken könnte.
(Stephanie Weber, 23 Jahre, avesco-Praktikantin)
Möchten Sie zu diesem Artikel einen Kommentar abgeben? Dann besuchen Sie unseren Blog unter www.blog.avesco.de