
Am besten ist es wegzusehen und das Leid der Anderen zu verdrängen. Künftig wird uns das schwer gemacht, denn die Stiftung für Migration, Erinnerung und Dialog hat einen neuen Ansatz gefunden, um unsere Schranken zu überwinden. Den künstlerischen Blick.
Während einige Kilometer weiter im Herzen der Stadt die Stars vom roten Teppich strahlen, kommen im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Menschen zusammen um Gedichte von Mansur Rajih zu hören. Es werden Gedichte sein, die Rajih während seiner fünfzehnjährigen Haft in einem Jemenitischen Gefängnis und später im Exil geschrieben hat. Der Mann ist kein Mörder, er hat niemanden ausgeraubt, sondern als Journalist, Intellektueller und Schriftsteller seine Meinung vertreten. Dafür verhängte sein Heimatland die Todesstrafe, die aufgrund internationalen Drucks dann nicht vollstreckt werden konnte.
»War es das wert«, fragte sich Rajih während der ersten Zeit in seiner 2 Meter langen Zelle. »Ist die Freie Meinung den Entzug der Freiheit wert?« Die Antwort kam erst zögerlich in Worten. Dann in Gedichten. Und als die Worte im Kopf keinen Platz mehr fanden, schmuggelte ein Wärter Zigarettenpapier und eine Kugelschreibermiene in die Zelle.
»Worte sind die Waffen der Waffenlosen«, sagt Rajih und zerstreut damit alle Mitleidspflicht. Er spricht mit einem Mund voll Murmeln, ungeduldig auf den Übersetzer wartend. Wer einen bitteren, gebrochenen Mann erwartet hat, wird enttäuscht. Stattdessen überraschen bildschöne Gedichte, die neue Fragen aufwerfen: »Was macht ein Mensch mit seiner Erinnerung? Wie relativ ist das Erinnerte – was wächst, was verschwindet? Wie entwickelt sich Sprache in fünfzehn Jahren Isolation?«
Plötzlich verdreht sich der Schrecken ins Gegenteil und der Mensch wird präsent allein durch seine Kunst. Damit bewahrheitet sich das Konzept der Stiftung, die die Lesungsreihe ›Entfesselte Worte‹ veranstaltet. »Der künstlerische Blick auf das Leid verstärkt die Empathie, lässt Schranken schwinden, ermöglicht überhaupt erst Zugänge von Mensch zu Mensch«, sagt Ethnologin und Gründerin der Stiftung Judith Albrecht. »Überall auf der Welt, wo Freiheit und Menschenrechte eingeschränkt sind, wird über die Vergangenheit geschwiegen. Auch in Deutschland fanden Menschen mit Migrationshintergrund bisher kein Forum für Erinnerung, Aufarbeitung und Dialog untereinander und mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft«, so Albrecht. Die Stiftung versucht das Unaussprechliche durch den Mittelsweg Kunst für die jeweils anderen begreiflich zu machen. Dabei möchte die Stiftung nichts hineintragen, sondern als Forum einen Ort markieren, an dem Dinge aufgespürt werden können, die es ansonsten nirgendwo zu sehen geben wird.
Erklärtes Ziel der Stiftungsarbeit ist es, eine diffuse Angst gegen Migration abzubauen und dadurch neue Ressourcen nutzbar zu machen, »schließlich ist es für unsere heutige Gesellschaft von zentraler Bedeutung, sich mit dem ›anderen‹ und seiner Geschichte auseinanderzusetzen«, sagt Judith Albrecht. Dieses Ziel verfolgen die jungen Stifterinnen, Judith Albrecht, Anne Wermbter und Sabine Rietz, die von Berufswegen Ethnologinnen, Dokumentarfilmerinnen und Journalistinnen sind, mit aller Wehemenz. Demnächst soll die mehrsprachige Website fertig gestellt sein, damit möglichst viele Menschen sprachbarrierefrei von- und übereinander lernen können. Dann folgen eine irakische Film- / und Literaturreihe. 2010 soll die kambodschanische Ausstellung ›Art of survival‹, die die Diktatur Pol Pots und der roten Khmer thematisiert, nach Berlin geholt werden. Die Entwicklung der mobilen Film-akademie ›Look Back‹ ist geplant, die auf ihren Reisen durch Afrika und den mittleren Osten in Zusammenarbeit mit jungen FilmemacherInnen und Journa-listInnen vor Ort, Kurzfilme zum Thema Erinnerungen und Konflikt entwickelt und umsetzt.
Die Stiftung versteht sich als Prozess. Sie will in Bewegung bleiben, um neue Entwicklungen zu erkennen und bestehende Fronten transparenter zu machen. Dafür kooperieren die Stifterinnen mit unterschiedlichen internationalen NGOs und Institutionen. Das Gelernte wird in Dokumentationen und Büchern umgesetzt, damit möglichst viele Menschen von der Arbeit der Stiftung profitieren können.
Die Lesung im Haus für Demokratie und Menschenrechte geht ihrem Ende zu und das Publikum schart sich neugierig um den Autor. Wie ist einer, der nach 15 Jahren Haft, 15 Jahre im kalten Exil hinnehmen musste? Leidenschaftlich ist er, stolz und verfroren. Und ganz plötzlich begreift der Besucher seine Freiheit als Freiheit, die er ohne Kampf, ganz selbstverständlich dargeboten bekommt. Jeden Tag.
(Christiane Meyer-Ricks)
Die Arbeit der Stifterinnen
Wer die Arbeit der Stifterinnen unterstützen möchte, kann einzelne Projekte, oder die Stiftung direkt unterstützen. Weitere Informationen hierzu erhalten sie über:
Vorläufiges Spendenkonto: Judith Albrecht, Berliner Volksbank 10090000, 5197702003, Verwendungszweck: Stiftung für M.E.D. (Spendenquittungen können ab Mai ausgestellt werden!)