
Durch den Tod der fünfjährigen Lea Sophie aus Schwerin und andere schwerwiegende Fälle wurde die Debatte über den Kinderschutz in Deutschland wieder aufgerollt. In der Öffentlichkeit tauchte die Frage auf, ob und wie man dieses Schicksal hätte verhindern können. Das in diesen Fällen sich nicht nur die Eltern falsch verhalten haben, sondern auch andere Beteiligte, wie zum Beispiel die Jugendämter, scheint festzustehen. Aber was lief falsch?
Damit der Informationsfluss gewährleistet und entsprechend gehandelt wird, verabschiedete der Senat 2007 das Projekt ›Berliner Netzwerk Kinderschutz‹. Es ist eine Kooperation der öffentlichen Jugendhilfe mit Ärzten, mit der Polizei und den Jugendämtern aus Berlin. Der Stadt steht nun eine Hotline, die 24 Stunden erreichbar ist, zur Verfügung und spricht Bürger, Nachbarn und all diejenigen an, die sich Sorgen um das Wohl eines Kindes machen. Die Meldungen werden ggf. direkt an die Jugendämter geleitet, die sich dann der Fälle annehmen. Ein wichtiges Projekt für den Kinderschutz, welches aber für die einzelnen Bezirke teuer werden kann. Neue Stellen müssen besetzt werden, da die Jugendämter personell nicht in der Lage sind, die neuen Aufgaben zu bewältigen. Dieser Aufwand ist aber wichtig, denn wenn frühzeitig gehandelt wird, kann Schlimmes vermieden oder sogar Leben gerettet werden.
Deutschlandweit werden jährlich zehntausende Kinder Opfer sexueller oder körperlicher Gewalt, die Dunkelziffer ist wesentlich höher. Haben Sie sich nicht schon oft gefragt: Warum ist der kleine Nachbarsjunge seit Tagen so verängstigt, wenn er aus dem Haus geht? Und warum sieht man die junge Mutter aus der dritten Etage nicht mehr auf dem Flur? Mach ich mir unbegründet Sorgen?
Nicht Schweigen, sondern Reden
Wie verhalte ich mich richtig in so einer Situation? »Zuerst sollte man den Kontakt zu den betroffenen Eltern suchen und versuchen, mit ihnen eine Lösung zu finden«, sagt Matthias Gillner, Familientherapeut des Kinderschutz-Zentrum Berlins. Wer Zweifel in der Vorgehensweise hat, sollte sich am Besten an eine der vielen Beratungsstellen für Kinderschutz und –hilfe wenden. Diese beraten bundesweit misshandelte und vernachlässigte Kinder, Jugendliche und ihre Familie, meist auch außerhalb der Öffnungszeiten von Behörden und Ämtern.
Eine der vielen Anlaufstellen ist das Kinderschutz-Zentrum e.V. in Berlin. Eine Organisation, die viel mehr bietet, als eine kostenfreie Notdienstnummer. Der Verein ist ein Verbund verschiedener Hilfemaßnahmen, wie z.B. die Familienberatung, die Kinder- und Jugendtherapie oder die Möglichkeit einer stationären Aufnahme in einer Kinderwohngruppe. Das Kinderschutz-Zentrum wurde 1975 gegründet und wird durch den Berliner Senat und durch Spenden unterstützt.
Die Hilfe richtet sich nicht nur an Kinder und Jugendliche, sondern an die ganze Familie. »Wenn Eltern zu uns kommen, dann überwinden sie eine große innere Barriere: Sie spüren ihr Scheitern, wünschen dringend Hilfe und haben gleichzeitig große Angst davor«, so Matthias Gillner.
Wann werden Hilfen in Anspruch genommen?
Leider wird die Hilfe meist zu spät angenommen. Nämlich dann, wenn die Situation sich zugespitzt hat und Kinder verletzt wurden und Eltern nicht mehr weiter wissen. Die Konflikte und Probleme dauern oft bereits schon über einen längeren Zeitraum an. Ein Hauptgrund ist eine längere emotionale Vernachlässigung der Kinder innerhalb der Familie. Die Eltern sind häufig selber in ihrer Kindheit vernachlässigt worden und verhalten sich ihren eigenen Kindern gegenüber nicht viel anders. Oft spielt auch die Lebenssituation eine große Rolle. Diese Familien müssen mit wenig Geld über die Runden kommen, Auflagen vom Job Center erhöhen den Druck und die Eltern haben nur wenig Zeit, Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen. Nicht selten entstehen schwerwiegende Vernachlässigungsstrukturen in den Familien. Diesem muss vorgebeugt werden.
Das Kinderschutz-Zentrum und das Projekt ›Berliner Netzwerk Kinderschutz‹ sind nur einige der vielen Einrichtungen, die sich um das Wohl der Kinder kümmern und Sorge tragen, dass unsere Kinder wohlbehütet aufwachsen können.
(Miriam Richter)
INFORMATIONEN ZUM KINDERSCHUTZ
Kinderschutz-Zentrum Berlin e.V.: www.kinderschutz-zentrum-berlin.de, Hotline: 0800 1110444
Berliner Netzwerk Kinderschutz: Telefon 030 610066,
Kindernotdienst Telefon: 030 61 00 61