
»Alle Entscheidungen, die wir treffen, beginnen mit einem Geruch«, sagt Sissel Tolaas, »nur nehmen wir heute die Sprache zu ernst.« Die aus Norwegen stammende Künstlerin hat die Woche in Boston, New York und Zürich verbracht. Jetzt wirbelt sie durch ihr Berliner Atelier, das gleichzeitig Labor ist und erklärt: »Ich möchte den Nutzen des Geruchs wieder herstellen und den Menschen die Fähigkeit zurückgeben, sich über den Geruch eine Vorstellung vom Charakter und Zustand eines Menschen oder einer Sache zu machen.« »Auch Toleranz kann durch die Nase gelernt werden«, beweist Tolaas im Selbstversuch. »Zuhause war ich das größte von 6 Mädchen und zuständig für die Milch. Ich hasste den Milchladen, die Milchfrau war unangenehm und alles roch sauer.« Tolaas arbeitete an der eigenen Desensibilisierung und lernte, dass Geruchsinformationen neu besetzt werden können. Dieses Phänomen möchte Tolaas, die neben Kunst auch Chemie und Mathematik studiert hat, jetzt in einer Studie gemeinsam mit Neurologen nachweisen, sobald genügend Fördermittel zusammengekommen sind. Erkenntnisse hierzu schöpft Tolaas auch aus ihren Forschungen mit Psychose-Patienten und Geruchsdesensibilisierung am Krankenhaus von San Francisco.
»Das Problem ist«, sagt Tolaas, »dass unsere Realität keine mehr ist. Nichts riecht mehr wie es soll. Wir leben in einer Geruchsdiktatur der Abstraktion. Lenor riecht frisch, Maggi nach Sättigung und das Klo nach Wald.«
Die gefragten Ausstellungen der Künstlerin thematisieren eben diese Distanz von Quelle und Geruch. ›Dirty 1‹ etwa - das Parfum im Luxusflakon - sind die Moleküle der dreckigsten Straße Londons, die Tolaas mit einem selbst entwickelten Gerät gesammelt hat. 6730 Gerüche hat Tolaas seit 1990 gesammelt und archiviert.
Für diese Fülle an Gerüchen hat der Mensch zwei Worte, um sie auseinander zu halten: gut und schlecht. »Der Rest ist Metaphorik«, sagt Tolaas und erklärt die Notwendigkeit, Gerüche linguistisch zu kommunizieren. Mitstreiter auf diesem Gebiet hat Tolaas im Sony-Artificial-Intelligence LAB gefunden. Ein Forscherteam geht jetzt in Kooperation mit Tolaas der Frage nach: »kann ich Gerüche denken wie 1-2-3, oder, a-b-c und welche Worte können Gerüche definieren?« Seit einigen Jahren trainiert Tolaas mit Schulkindern, gelernte Vorurteile abzubauen und auch schwierigen Gerüchen tolerant zu begegnen. Kinder lernen das Geruchsalphabet wie Mathe oder Bio und erschließen sich eine ganz neue Welt, freut sich Tolaas.
Mit diesen Arbeiten inspiriert die Künstlerin auch die Industrie wie zum Beispiel IFF International Flavors & Fragrances Inc., deren Chemiker und Parfümeure am Ende ihrer Parfümphantasien angelangt sind. »Vielleicht werden die Menschen irgendwann ihre Aufmerksamkeit ihrer eigenen Identität, ihrem Körpergeruch zuwenden«, hofft Tolaas. Dann können maßgeschneiderte Moleküle wie ein Kleid Persönlichkeit und Stimmung der Trägerin komplimentieren. Auf diese Art unsichtbar kommunizieren möchten inzwischen auch große Konzerne, die auf abgetretenen Pfaden ihre eigene Identität suchen. Freuen wir uns also auf die neuen Duftmarken von Milka, AOK und Puma.
(Christiane Meyer-Ricks)