
Regisseur. Klingt berauschend, wollen wir auch sein! Das denken sich alljährlich hunderte junge Menschen in Berlin und Brandenburg. In den Genuss einer Ausbildung an der Filmhochschule Konrad Wolf in Babelsberg kommen indes nur wenige und nicht jeder dieser Auserwählten macht anschließend auch Karriere. Auf der Suche nach Gründen für die Auslese rufen Jungfilmer nach mehr künstlerischer Freiheit und der Markt nach Filmen die den Zuschauer erreichen.
Die Studenten des 2. Regiejahres an der Filmhochschule Konrad Wolf frühstücken an wackeligen Klapptischen in einer WG am Prenzlauer Berg. Weder Muttis Wollsocken, noch die Margarine-Packungen auf dem Tisch, deuten darauf hin, dass wir es hier mit Auserwählten zu tun haben. Sie alle haben sich mit Fotos, Arbeiten, Konzepten und einer künstlerischen Mappe an der Hochschule beworben und sich in einem mehrstufigen Bewerbungsverfahren gegen hunderte Mitbewerber durchgesetzt. Warum gerade sie?
»Wir sind Freaks und haben einen ganz speziellen Blick auf die Dinge. Deswegen wurden wir ausgesucht«, sagen die Studenten. Aber wie lange ist Eigensinn als Persönlichkeitsprofil am Markt tauglich? Kirsten Niehuus, Geschäftsführerin Filmförderung Medienboard Berlin-Brandenburg, nennt Kreativität, Neugier, Selbstbewusstsein, Individualität, Eigenwilligkeit, Hartnäckigkeit und einen eigenen Stil als ganz wichtig, wenn ein junger Filmemacher sein erstes Projekt vorstellt. Allerdings schränkt sie ein, dass Regisseure neben aller Kreativität auch ein Verständnis und Gespür für die Umsetzbarkeit des ›Gesamtkunstwerkes‹ besitzen müssen. Schließlich wollen auch Luftschlösser finanziert werden. Den Studenten hingegen ist das Unwohlsein vor dem kommenden Markt anzumerken. Sehgewohnheiten und Quoten weisen sie als Arbeitseinflüsse derzeit weit von sich. Manch einer der Studenten schließt sogar kategorisch aus, im Serien- oder TV Bereich zu arbeiten. Ganz zu schweigen von kleinformatigen Filmen für Handy oder Internet, obwohl sie wissen, dass der Trend unweigerlich dorthin geht. »Ich sehe uns lieber im fiktionalen- oder im künstlerischen Dokumentarfilmbereich«, sagt Florian und zieht seine Kappe ein wenig weiter über die Augen.
Dass Individualismus ein großes Publikum und kommerziellen Erfolg nicht ausschließt, haben laut Niehuus Filme wie ›Das Leben der Anderen‹ von Florian Henckel von Donnersmarck – übrigens auch ein Abschlussfilm – oder ›Sommer vorm Balkon‹ von Andreas Dresen gezeigt. Für Filmhochschüler ist es unerlässlich, sich mit den Wünschen und Bedürfnissen ihres Publikums auseinander zu setzen. Inwiefern ein jeder auf diese Sehgewohnheiten eingeht, muss er für sich ausloten. »Derzeit wird eine Grundhaltung der Angst suggeriert. Es gibt eine Arche und nicht jeder wird Platz darauf finden«, sagen die Studenten. Und trotzdem wollen sich die Nachwuchsfilmer nicht demoralisieren lassen und hoffen auf nachhaltige europäische Förderungen. »Durch das breite Ausbildungsangebot ist die Konkurrenz heute sehr groß«, sagt Kirstin Niehuus und rät Jungfilmern dazu, sich kontinuierlich mit neuen Techniken und Formaten auseinander zu setzen um zwischen Arthouse und Mainstream eine eigene Nische zu finden.
Gerade diese neuen Formate beschäftigen die Studenten. »Das größte Problem ist die heute herrschende Bilderflut«, sagen die Jungfilmer. Statt auf neue Technik setzen die Nachwuchsregisseure auf Ideen. Während der eine die kommende Regiearbeit gleich als Hörspiel vorbereitet, entwickeln andere Kurzfilme, die Teile eines Ganzen sein können und wieder andere setzen auf Musik. Kirstin Niehuus kann an handwerklich gut gemachten Genre nichts Verurteilenswertes finden und hofft: »Vielleicht schafft es der Nachwuchs, dieser Frage mit etwas weniger Ernsthaftigkeit zu begegnen und auch hier offen und kreativ zu sein.« Noch verunsichert die Frage, was die Studenten für 50 Millionen Euro, die Tykwers ›Das Parfüm‹ gekostet hat, für einen Film drehen würden. »So viel sollte gar kein Film kosten«, sagt Ulrike. Stattdessen sollten viele kleine Filme gedreht werden. Zum Beispiel ein Film über den Schnee in Skandinavien oder kulturübergreifende Arbeiten werden gebraucht, so die Jungfilmer.
Die Hauptstadtregion ist die Film- und Kunstmetropole in Deutschland. Inzwischen ist die Hauptstadt zum Schauplatz der meisten deutschen Produktionen geworden. Die Fördermittel sind gestellt und die Voraussetzung für die wirtschaftliche Zukunft der Filmregion geschaffen.
Jetzt fehlen nur noch die ungeschliffenen Jungfilmer mit Liebe zum Zuschauer im Boot, die dafür sorgen, dass sich die Region zu einer Marke entwickelt: Die ›Berliner Schule‹ oder der ›Brandenburger Heimatfilm‹ zum Beispiel.
Die Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ ist die älteste und größte von fünf Medienhochschulen in Deutschland. Der Zugang zu der Hochschule ist nicht einfach. Von jährlich ca. 1000 Bewerbern erhalten nur ca. 100 nach bestandener Aufnahmeprüfung einen Studienplatz. Weitere Informationen unter www.hff-potsdam.de
(Christiane Meyer-Ricks)