
Immer wieder blättert die alte Dame in dem Foto-album. Erinnerungsfetzen von früher kommen hoch, vertraute Bilder und Gesichter. Erinnerungen, die längst Geschichte sind, für sie aber die Realität. Fragend schaut sie die Frau an, die ins Zimmer kommt – ihre Schwiegertochter. Sie erkennt Sie nicht mehr. Die 80jährige hat Altersdemenz. Eine Krankheit, bei der es zu fortschreitender Einschränkung bis hin zur vollständigen Einstellung der geistigen Leistungsfähigkeit kommt. In Deutschland leben heute rund eine Million Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Die häufigste Form ist die Alzheimer-Demenz. Aufgrund der demografischen Entwicklung ist in wenigen Jahren bereits mit einer Verdoppelung zu rechnen. »Mit einer stets älter werdenden Bevölkerung entwickelt sich Alzheimer zu einer bedrohlichen globalen Epidemie«, sagt der Leiter einer Studie von Medizinstatistikern der Johns Hopkins University in Baltimore. Dennoch, die Alzheimer-Krankheit ist nach dem heutigen Stand der Wissenschaft nicht heilbar, sie kann aber bei frühzeitiger Diagnose gezielt behandelt werden.
Altersvergesslichkeit oder Demenzerkrankung? Eine Telefonnummer ist kurzzeitig aus dem Gedächtnis verschwunden, der eigene Pin der Bankkarte ist wie ausradiert oder der Haustürschlüssel ist verlegt worden und im Augenblick nicht mehr auffindbar. Gedächtnisprobleme und Vergesslichkeit im Alter kommen häufig vor und sind harmlos, sofern die Erinnerung wiederkommt und Gegenstände bald wiedergefunden werden.
Ernst zunehmende Symptome sind neben längerfristigem Gedächtnisverlust oft psychische Störungen, Wortfindungs- und Rechenstörungen sowie zeitliche und räumliche Orientierungsprobleme. Ein zentrales Symptom ist aber die Störung des Gedächtnisses. Der Mensch entwickelt sich langsam zurück zum Kind und verliert seinen gebildeten Intellekt durch die krankheitsbedingte Reduzierung der Nervenkontakte im Gehirn. Das Gehirn ist nicht mehr in der Lage sich Dinge neu zu merken. Zunächst betrifft es das Kurzzeitgedächtnis, später das Langzeitgedächtnis. Dabei geht immer die noch vorhandene jüngste Erinnerung verloren. Eine Zeitreise in die Vergangenheit beginnt und die Gegenwart verblasst allmählich.
Je früher die Diagnose gestellt wird und eine gezielte und rasche Behandlung erfolgt, desto besser kann das Fortschreiten der Krankheit gehemmt werden und die Lebensqualität des Patienten solange wie möglich erhalten bleiben. »Die Demenz meiner Schwiegermutter kam für uns alle sehr überraschend«, erzählt Frau Dulitz aus Berlin. »Wir haben die ersten Anzeichen nicht ernst genommen. Die Krankheit ist nun so sehr fortgeschritten, dass sie ihre eigene Familie nicht mehr erkennt. Mittlerweile lebt sie in ihrer eigenen Welt und ist teilweise wieder zu einem Kleinkind geworden.«
Die Familie muss sich auf die neuen Verhaltensweisen einstellen. Eine schwere und frustrierende Aufgabe für alle Beteiligten. Wie soll man reagieren, wie soll man sich verhalten? Was ist richtig und was ist falsch? Niemand ist wirklich darauf vorbereitet.
Im Anfangsstadium kann man sich noch leicht auf die neue Situation einstellen. Aber was ist, wenn die Krankheit weiter fortschreitet und man nicht mehr in der Lage ist, dem Kranken im gewohnten Umfeld die nötige Pflege zu geben?
»Die Betreuung der Betroffenen durch die Angehörigen stößt häufig an die Grenzen der Belastbarkeit, speziell wenn Weglauftendenzen und ein veränderter Tag- und Nachtrhythmus mit einhergehen. Patienten in der letzten Phase der Erkrankung benötigen sowohl bei grundpflegerischen Dingen wie z.B. Ankleiden, Waschen, Nahrung und Getränke reichen, als auch bei der Beschäftigung im Tagesablauf ausreichend Hilfe. Oftmals wird auch die Betreuung in der Nacht unumgänglich«, sagt die Geschäftsführerin des Senioren- und Pflegeheim Wallotstraße, Bettina Haß. Ist die Grenze der Belastbarkeit erreicht, stellt sich zwangsläufig die Frage, wie es weitergehen soll. Viele Familien schrecken davor zurück, professionelle Hilfe anzunehmen oder den Angehörigen gar in einem Heim unterzubringen. Man möchte Mutter/Vater nicht abschieben oder sich vor der Verantwortung drücken. Aber egal wie man sich entscheidet, eine professionelle Hilfe von außen ist unumgänglich, zum Wohle der Familie und des Kranken.
Deutsche Alzheimer Gesellschaft e.V. , www.deutsche-alzheimer.de, Alzheimer Telefon 01803-17 10 17 (9 Cent pro Minute aus dem deutschem Festnetz)
(Miriam Richter)