
Wir schreiben das Jahr 1954. Deutschland wurde zum ersten Mal Weltmeister. Das Wunder von Bern ist bis heute ein Meilenstein der deutschen Fußballgeschichte. Der Volksport Nr. 1 hat einen außerordentlichen Wandel vollzogen. Während die damaligen Amateurspieler für ihren Weltmeistersieg 2.000 Mark verdienten, kassieren die Profis von heute Prämien von über hunderttausend Euro. Im Vergleich zu damals spielt die Macht des Geldes eine entscheidende Rolle. Doch was sind Ursachen für den Wandel vom Freizeitsport hin zum Unternehmen Fußballverein?
Erst in den sechziger Jahren wurde in Deutschland der Profifußball eingeführt. Seit dem besteht eine Mannschaft nicht mehr aus Amateur- sondern aus Vertragsspielern, dessen Beruf es ist, Fußball zu spielen. Ein erfolgreicher Akteur verdient heutzutage mehrere Millionen Euro im Jahr, hinzu kommen Prämien und Einnahmen aus individuellen Werbeverträgen.
Auf der einen Seite ist ein Fußballspieler ein Sportler, der mit Spaß seinem Hobby nachgeht, aber auf der anderen Seite ist er ein Angestellter eines Unternehmens (Vereins), der seine Aufgaben, in diesem Fall Tore schießen oder verhindern, erfüllen muss. Jedoch wird er nicht wie ein gewöhnlicher Angestellter behandelt. »Ein deutscher Lizenzspieler wird als immaterielles Anlagevermögen in der Bilanz eines Vereins angesetzt. Ähnlich wie eine Maschine wird er beim Kauf mit den Anschaffungskosten bewertet und über die Vertragslaufzeit abgeschrieben«, erklärt Prof. Dr. Wilhelm
Schmeisser* (Professor für Betriebswirtschaftslehre an der HTW Berlin). Dies hat zur Folge, dass ein Verein neben den sportlichen Fertigkeiten auch Fachwissen und ökonomische Qualitäten benötigt. Insgesamt sind bei den 36 Mannschaften im deutschen Profifußball oder bei deren Tochtergesellschaften fast 40.000 Menschen beschäftigt, denn auch die Rechtsform hat sich verändert: Aus vielen deutschen Vereinen sind Kapitalgesellschaften geworden, bei denen neben dem sportlichen Fokus auch finanzielle Ziele im Mittelpunkt stehen.
Der deutsche Fußball wird als Wirtschaftsfaktor immer attraktiver. Gemäß dem Wirtschaftsbericht der Deutschen Fußballliga (DFL) erzielten die 36 Profivereine allein in der Saison 2008/2009 einen Umsatz von ca. 2 Mrd. Euro und leisteten dabei Steuern und Abgaben in Höhe von 683 Mio. Euro. Trotz der Finanzkrise konnte die Bundesliga im Vergleich zum Vorjahr ein Wachstum von 5,3 % generieren. »Der ausgewogene Mix aus Medien-, Sponsoring und Ticketerlösen macht die deutschen Proficlubs von einseitigen Einnahmeausfällen unabhängiger«, sagt Dr. Reinhard Rauball (Präsident des Ligaverbandes). Der größte Anteil der Einnahmen stammt aus der Vermarktung der Medienrechte (29,2 %). Zudem erzielten die Vereine ihre Erlöse aus den eingenommenen Eintrittsgeldern, Siegprämien, Merchandisingverkäufen, Sponsoren- und Werbegeldern sowie den Gewinnen aus Spielerverkäufen. Besonders letzterer Posten ist in den vergangenen Jahren in die Höhe gestiegen. Aus diesem Grund versuchen die Bundesligavereine, frühzeitig junge Spieler langfristig zu binden, um einerseits Transferkosten zu vermeiden, aber andererseits potenzielle Transfereinnahmen zu generieren. Speziell für die Jugendförderung hat der DFB in Deutschland 366 Stützpunkte eingerichtet. Sie sollen die Grundlage schaffen, damit der deutsche Fußball auch in Zukunft ein sportlich attraktives und wirtschaftlich interessantes ›Spiel‹ bleibt.
(Steffen Kurth)
*Informationen zum Thema Spielerbewertung erhalten Sie im Buch: Schmeisser, W. / Clausen, L.: Controlling und Berliner Balanced Scorecard Ansatz. Oldenbourg Verlag, München 2009